Den Unterricht filmen, eine gute oder schlechte Idee?
Zurzeit bleiben aufgrund der Quarantäne-Regelungen viele Schülerinnen und Schüler über mehrere Tage dem Unterricht fern. Um zu verhindern, dass sie zu viel Unterrichtsstoff verpassen und womöglich den Anschluss verlieren, kann es eine gute Idee sein, den Unterricht mit Hilfe digitaler Hilfsmittel (wie z.B. Teams) live zu übertragen. Dabei ist jedoch darauf zu achten, die Aufnahmefunktion zu blockieren. WVM ist nicht gegen diese Praxis (die bereits von mehreren Lehrpersonen angewandt wird / wurde), empfiehlt deren Anwendung jedoch aus folgenden Gründen nicht:
- Der Unterricht auf der Sekundarstufe II (im Gegensatz zur Tertiärstufe, die akademische Freiheit hat), basiert auf Präsenz, d.h. auf der Beziehung der Lehrperson zur Klasse. Das Filmen der Lektionen vermittelt den Eindruck, dass es zwei Unterrichtsmodi gibt: den Modus des persönlichen Lernens im Klassenzimmer und den Fernmodus. Aber Fernunterricht in dieser Form ist eine Illusion.
- Das Filmen und Übertragen des Kurses verändert das Verhalten sowohl der Lehrperson als auch der SchülerInnen. Spontaneität und Freiheit der Unterrichtsformen können dadurch eingeschränkt werden. Die Dynamik des Unterrichts wird dadurch tiefgreifend verändert.
- Inwieweit können wir Lernende, die krank sind oder sich in Quarantäne befinden, dazu zwingen, alle Unterrichtsstunden auf dem Bildschirm (oft Mobiltelefon) zu verfolgen?
- Da die Klassenzimmer nicht mit Kameras ausgestattet sind, müsste man einen Schüler oder eine Schülerin mit der Aufgabe zu betrauen, den Unterricht aufzuzeichnen. Diese Person wäre für den Bildausschnitt (MitschülerInnen dürfen nicht auf dem Bildschirm erscheinen), die Tonaufnahme und die Qualität der Übertragung verantwortlich. Kann er oder sie dem Unterricht noch normal folgen?
- Das Filmen des Unterrichts kann sowohl für die Lehrperson als auch für die Lernenden als eine einfache Lösung erscheinen: Da der Kurs online verfügbar ist, mag jede andere Begleitung und Mitarbeit unnötig erscheinen.
- Die Abwesenheit von Lernenden - auch über einen langen Zeitraum - ist kein neues Phänomen. Wird es von nun an notwendig sein, die Kurse in allen Fällen längerer Abwesenheit zu filmen, zum Beispiel bei einer Operation oder einem Unfall? Wird die derzeitige Ausnahme zur Norm werden?
Darüber hinaus ermutigt der Vorstand des WVM die Lehrkräfte, der beziehungsorientierten Begleitung des abwesenden Schülers / der abwesenden Schülerin Vorrang einzuräumen, auch wenn dies oft mehr Arbeit erfordert: Bereitstellung von Online-Dokumenten (z.B. über Teams), Frage-Antwort-Sitzungen (persönlich oder online), E-Mail-Austausch usw.